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:tim | Muscheln

Leicht, einfach und tief zugleich beschreibt :tims siebtes Studioalbum einen Erkenntnisweg. Die ersten Aufnahmen entstanden 1999, die letzten 2019. Dazwischen spielte sich ein ganzes Leben ab: Von Liebesrausch, Sex und Party führt „Muscheln“ über Sehnsucht und Verlust schließlich zu einer Klarheit: Es gibt keine Liebe ohne Abschied und keine Tränen ohne Salz. Aus diesem bittersüßen Schmerz stammt sie: die funkelnde Magie von :tim.

„Komm auf die Insel der Liebe“, lockt eine sanfte Bébé Née zu sachtem Windrauschen und chilligen Klavierakkorden. „Bitte lass mich nur noch einmal“ antwortet :tim, „an der goldenen Pfeife ziehen.“

Auf seinem siebten Studioalbum „Muscheln“ geht es um Verführung, Lust und Verliebtheit, die heilsame Erfahrung von Schmerz und Loslassen bis hin zur Unendlichkeit, getaucht in Bilder von Meer, Wasser, Feuchtgebieten. Die Musik wogt lasziv und entspannt, rollt zuweilen hochgefunkt, meist eher mit nachdrücklichem Schwappen, zärtlich arrangiert, mit entspannten Funk-Grooves. Es ist :tims leichteste, zärtlichste Platte, ein Skizzenbuch der Liebe.

Inspirationen zum Meer schöpft :tim aus einer Anregung von Klaus Theweleit aus einem Gespräch auf Sylt, für den, erinnert er sich, das „ozeanische Gefühl“ einerseits für die Entgrenzung und einen Gegenentwurf zum „faschistischen Männerkörper“ steht. Zugleich jedoch beschreibt der Ozean ein Element der Gefahr, einen Ort, der unbekannte, auch bedrohliche Dämonen beherbergt. Nicht umsonst musste sich Odysseus an den Schiffsmast fesseln lassen, um den Gesang der Sirenen erleben zu dürfen. Er wappnete sich mit trockener Rationalität gegen die verführerische Flut des Begehrens.

Die auf „Muscheln“ entfaltete Sprache der Liebe beschreibt :tims eigene biographische Entwicklung durch Höhe- und Tiefpunkte der Liebe. Auf Muscheln ringt das Nicht-Loslassen-Können mit der Hingabe, Ego mit ozeanischer Weite. Die Songs nahmen zwar erst in den letzten vier Jahren ihre endgültige Gestalt an – die ersten Aufnahmen und Ideen reichen jedoch schon zwei Jahrzehnte zurück.

Damals hatte er – noch unter seinem langjährigen Pseudonym Robert Defcon – nach den frühen Erfolgen mit seiner Band „Wohnung“ und „No Underground“ im Umfeld der exilkanadischen Peaches und Gonzales gearbeitet, letzterer noch nicht das selbsterklärte Allround-Genie, sondern Keyboarder. Mit Gonzales, Raz Ohara und Markus Fesl organisierte :tim eine Partyreihe im Club Maria, mit stundenlangen improvisierten Sessions, die die Blaupause seiner weiteren musikalischen Entwicklung bilden: Auch die Tracks von „Muscheln“ entstanden aus langen, meist kollektiv improvisierten Strecken, die er am Rechner „bildhauerisch“ auf die kurzen Songformen des Albums zusammenschnitt, so wie es die Edit-Pioniere CAN, über die er 2018 mit Max Dax, Irmin Schmidt und Rob Young das Buch „All gates open“ geschrieben hat, schon prädigital im Krautrock vorgeführt haben.

Inspiriert von Gonzales Rap-Identität als comichafter „Supervillain“ entstand unter seinem Alter Ego „Splatterdandy“ 2004 die von Max Dax gestaltete Platte „Terrorista“. Songs wie „Kühnen3000“ und „Kokain“ haben früh geahnt, dass das globale Casino der „Posthistoire“ und ein unbeendbarer Antiterrorkrieg in einen neuen Faschismus münden würden. So hört sich „Terrorista“ heute streckenweise wie ein dunkler künstlerischer Kommentar zur Gegenwart an.

Einige der Stücke auf „Muscheln“ wurzeln in seinem Trio A.M.T, das er mit seiner damaligen Partnerin Anne Khan und dem Gitarristen Dave Bennett 2005 gründete. Mit einem breiten Arsenal Hiphop-kompatibler Elektrostyles wirbelten A.M.T durch die Niederungen der Politik, denen sie mit surrealem Humor und einer auch derben, energischen Sexualisierung begegneten. Die Art-Hopper spielten zur documenta in Kassel, in einem Hamburger Bordell, auf dem Berliner Pornfilmfestival und inszenierten ein pressewirksames Reenactment des Love-Ins von John & Yoko im Berliner Nobelhotel Ritz-Carlton.

Das titelgebende „Muscheln“ und „Loveparty Intl.“ knüpfen direkt an A.M.T an. Das erste holt die explizite Elektro-Lüsternheit des A.M.T-Originals aus einem kühlen Dubstep in die abendwarme Lust aus leichter, funky Bassline zu Claps und einer flirrenden Gitarre, ein bewusster Rückgriff auf chillige Hiphop-Sounds der Neunziger. „Loveparty“ wiederum, auch eine A.M.T-Reminiszenz, schwelgt mit einem digitalen Beat in Champagner und Sex, wobei es den erotisierten Luxus zugleich als Hedonismus feiert und – untermalt vom „Korrekt“-Zitat aus Kraftwerks „Das Modell“ – als Studio 54-Glam à la Diana Ross ausmalt.

Mit seinem Sturz ins Bodenlose nach der Trennung von A.M.T reifte :tims Gedanke, den Narzismus mit Liebe zu heilen. In seiner Wohnung betrieb der studierte Politologe und Philosoph seit 2013 das Labor Liebe [aka Labor Defcon], dessen Ausstellungen und Veranstaltungen sich mit NSA-Skandal, dem Krieg gegen den Terror und dem globalen Zusammenbruch durch Klimawandel und Hyperkapitalismus beschäftigten (Frankfurter Rundschau). „Dabei wurde mir immer klarer, dass ich mir die Dunkelheit nicht mehr ausmalen möchte“, sagt er. „Mir geht es um machbare, konkrete Utopie.“

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Gemeinsam mit Joe Mexicano und Egyptian Mama betreibt :tim nun die Band „Liebende“, die gegen trockenen Hyperindividualismus den kollektiven Genuss des elektronisch improvisierten Funk zu Wasser lässt: Anstelle lautstarker Konkurrenz tritt eine funkadelische Verschlingung, zu der liebevoll improvisiert wird. Das größere Bild wird in der Ankündigung einer von Arbeit befreiten Welt-Gesellschaft im Track „Menschheit“ greifbar, eingerahmt von der berühmten Martin-Luther-King-Rede „I have a dream“. Denn: „Wo Liebe war, wird Liebe sein, (die) Menschheit von ihren Ketten zu befreien“. So geht es in der Liebe auch um eine gesellschaftliche Befreiung.

Dies nämlich der Trick des neuen Albums: Es öffnet Räume jenseits der vordergründigen Thematik. Der Brummbass und die angeraute Stimme des bluesigen „Krank nach Liebe“ klingen mit einem „Sexmachine“-Lick nach einer verzehrenden Sexdurststrecke – aber darauf folgt eine ebenso lustige wie gruslig aktuelle Rhetorikschulung aus den Fünfzigern, die angehenden Chefs leistungssteigernden Motivationssprech à la AfD beibringt, um schließlich kontrapunktisch mit Überlegungen über fernsehende Katzen zu enden.

Noch in den träumerischen Tracks wie „Im Elysium“, „Und der Ozean“ oder „Am Ufer“, die wie zärtliche Berührungen von der Verliebtheit erzählen, wird der Horizont aufgerissen, bis man die Weite der Idee ahnen kann, die sich eben nicht im kleinen individuellen Glück erschöpft. Denn unsere Heimat ist nicht eine Beziehung, eine Gruppe oder eine Nation, sondern sie „war einmal das Meer“, der Sehnsuchtsort, an dem sich alle Identität auflöst. Und dessen Weite zugleich so kitschnah heranbrandet, dass :tim und Olivia ihre Liebe am Schluss nurmehr in der sternstaubschimmernden Computerstimme von „Das Salz“ besingen können.

Konsequent wird das Ende der Liebe bis auf 83 Sekunden Herzraub ausgespart oder besser: übersprungen. Wir landen stattdessen an einem Ort, in dem sich wieder eine sehnsüchtige Nacht auftut, die Hoffnung birgt und Kraft gibt. Der Traum ist aus, aber es gibt keinen Grund, ihn nicht weiterhin im Blick zu behalten.

Tracklist & Credits: Labelcopy Muscheln

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Hier bestellen: https://tim-ra.bandcamp.com/

labor-liebe.de

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